Parlamentskorrespondenz/06/12.10.2006/Nr. 778
Parlament: Pietra Rivoli referiert im Forum Zukunft der Arbeit
Klare Absage Khols an Grundsicherungs-Modell
Wien (PK) - Die Wirtschaft verändert sich. Grenzen verschwinden. Geschwindigkeiten steigen. Was heißt das alles für unsere Arbeitswelt? - Antworten auf diese und viele andere Fragen zur Globalisierung der Wirtschaft suchte heute im Parlament das "Forum Zukunft der Arbeit", das der Managementclub und das Competence Call Center organisierten. "Die Arbeit ist unsere Zukunft", hielt Nationalratspräsident Andreas Khol in seinen Begrüßungsworten fest und erteilte einer "arbeitslosen Grundsicherung, von der manche träumen", eine klare Absage. "Das wird es nicht geben", sagte Khol.
Pietra Rivoli: Längerfristige Arbeitsverträge sichern Produktivität
Das Hauptreferat hielt die US-Wirtschaftswissenschaftlerin Pietra Rivoli, die Autorin des Weltbestsellers "Reisebericht eines T-Shirts. Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft" wurde vom Moderator des Forums, Univ.-Prof. Michael Meyer (WU Wien), als Glücksfall einer Gelehrten vorgestellt, die sowohl in der akademischen Welt als auch in der populären Presse Anerkennung findet. Ihr Buch sei gehaltvoll und trotzdem leicht zu lesen, ohne in Schwarzweiß-Malerei zu verfallen. Es sei spannend und überaus unterhaltsam, die Ökonomin bei ihren Recherchen auf den Baumwollfeldern in Texas, in Spinnereien und Nähfabriken Shanghais zu begleiten und mit ihrem T-Shirt auf einem Containerschiff zurück nach Amerika zu reisen, wo das global produzierte Produkt in den Verbrauchermarkt eintritt, um danach schließlich über den mittlerweile globalen Secondhand-Markt nach Tansania zu gelangen.
Den Ausgangspunkt im Referat Pietra Rivolis bildete die These, der ideologische "Krieg" zwischen dem US-amerikanischen Marktmodell und der sozialen Marktwirtschaft europäischer Prägung sei weitgehend zu Ende, ohne dass es einen klaren Gewinner gäbe. Der Kapitalismus wie wir ihn heute kennen, lasse überall eine Vielzahl von Verträgen, staatlichen Regulierungen sowie Kombinationen von beidem zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu. Rivoli lenkte das Interesse des Forums auf die Suche nach kreativen Arrangements zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die - wie Rivoli immer wieder betonte - beiden Seiten Vorteile bringen. Dies sei eines der Ergebnisse der Recherchen über die "Biographie" ihres T-Shirts, bei der sie viele verschiedene Branchen, Industrien und Menschen in sehr verschiedenen Arbeitsverhältnissen kennen gelernt habe.
Zunächst müsse man sich von der Auffassung verabschieden, die Kosten für den Schutz der Arbeitnehmer belasteten 1:1 die Arbeitgeber, verlangte die Ökonomin. Die Rede vom "Nullsummenspiel" Arbeitskosten sei ein Mythos. Denn auf den globalen Arbeitsmärkten herrsche nicht nur Arbeitslosigkeit und Nachfrage nach Arbeitsplätzen, sondern auch die verzweifelte Suche der Firmen nach Talenten und hoch qualifizierten Mitarbeitern. Es sei für die Firmen vorteilhaft und immer notwendiger, längerfristige Arbeitsverträge abzuschließen. Nur so können Talente entwickelt sowie Innovationen erfolgreich vorbereitet und durchgeführt werden. Nur im Rahmen abgesicherter längerfristiger Planungen können Investitionen in die Weiterbildung der Arbeitnehmer für ein Unternehmen längerfristig Profit bringen, führte Pietra Rivoli aus.
Als markantes Beispiel für diese Strategie erläuterte die Autorin den Vertrag eines Microsoft-Spitzenmanagers, der ein vergleichsweise "bescheidenes" Grundeinkommen bezieht, aber hohe Prämien dafür erhält, das Unternehmen innerhalb eines vereinbarten Zeitraumes nicht zu verlassen. Diesen für US-Verhältnisse typischen Managervertrag interpretierte die Wirtschaftswissenschaftlerin als Beweis dafür, dass erfolgreiche Unternehmen sehr viel Geld aufwenden, um Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden.
Arbeitnehmer in den entwickelten Ländern sind laut Rivoli gut beraten, auf längerfristige Beschäftigungen und Weiterbildung zu setzen. Dafür sollten sie flexible Entlohnungsmodelle akzeptieren, um den Wettbewerb mit billiger Arbeit in Indien oder China zu vermeiden. Die Erhöhung von Produktivität und Innovationsfähigkeit im Rahmen längerfristiger Beschäftigungsverhältnisse stellte Rivoli als ein kreatives Beispiel neuer Arbeitsverhältnisse vor, von denen Unternehmen und Arbeitnehmer profitieren können.
Flexible, kreative und individuelle Modelle sind ein Gebot der Stunde
Im Anschluss an das Referat von Pietra Rivoli trat unter der Leitung von Universitätsprofessor Michael Meyer eine prominent besetzte Diskussionsrunde zusammen, an der Janet Kath (Geschäftsführerin von Interio Österreich), Irmgard Prosinger (Trenkwalder AG), Christian Domany (Vorstand Flughafen Wien), der Personalberater Othmar Hill sowie Thomas Kloibhofer (Vorstandsvorsitzender Competence Call Center) teilnahmen.
Die Zukunft der Arbeitswelt werde nach Ansicht von Prosinger geprägt sein durch flexible Entlohnungsmodelle, die Leistungskomponenten stärker miteinbeziehen, die Arbeit in Projekten sowie einer schwindenden Arbeitsplatzsicherheit. Da es auf einem sich rasch ändernden Arbeitsmarkt immer schwieriger wird, den Überblick zu bewahren, werden mehr Arbeitsagenturen entstehen, um ein "schnelles Matching" zu gewährleisten. Denn entscheidend sei, über die richtigen Mitarbeiter zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu verfügen.
Die Inhabern von Interio Österreich, Janet Kath, war davon überzeugt, dass für den Erfolg eines Unternehmens in der Zukunft der Faktor Flexibilität von entscheidender Bedeutung ist. Dafür müssen jedoch auch die entsprechenden Rahmenbedingungen von politischer Seite geschaffen werden, forderte sie. So arbeiten etwa eine Reihe von Pensionistinnen in ihrer Firma, die sich als geringfügig Beschäftigte gerne etwas dazu verdienen wollen, denen nach Abzug der Steuern aber kaum etwas vom Lohn übrig bleibt.
Thomas Kloibhofer, der mit seiner Firma gemeinsam mit dem Managementclub die Veranstaltung organisierte, hielt es für wichtig, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen der Wandel der Wirtschaftswelt für die Arbeitswelt hat. Als Geschäftsführer eines Call Centers, das rund um die Uhr arbeitet und über 1.000 Mitarbeiter beschäftigt, stehe er ständig vor der Herausforderung, auf die dynamischen Entwicklungen der Wirtschaft zu reagieren. Aus seinen Gesprächen mit den Mitarbeitern wisse er, dass es für sie am wichtigsten ist, selbst zu bestimmen, wann sie arbeiten. Auch er vermisste jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen; die derzeitigen Regelungen stammen teilweise aus Zeiten, als 80 % der Leute noch in der Schwerindustrie arbeiteten. Es gebe daher den dringenden Handlungsbedarf, branchenspezifische Lösungen zu erarbeiten, urteilte er.
Christian Domany (Flughafen Wien) sprach von einer großen Kontinuität im Mitarbeiterbereich in seinem Unternehmen. Dies werde unter anderem durch eine Mitarbeiterbeteiligung für alle in Form einer Stiftung sowie insgesamt 52 flexible Schichtmodelle erreicht, die sich an den Bedürfnissen des Personals orientieren. Dies rechne sich auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht, bekräftigte er. Die Zukunft liege seiner Meinung nach aber in der Gestaltungsfreiheit der Arbeitsstunden pro Woche. Manche Mitarbeiter würden zum Beispiel gerne nur am Wochenende arbeiten, was derzeit aufgrund der kollektivvertraglichen und gesetzlichen Regelungen aber nicht möglich sei.
Othmar Hill (Hill International) gab zu bedenken, dass auch in Zukunft die Menschen nicht ständig ihre Jobs wechseln werden und wollen, da die sie eine gewisse Sicherheit brauchen. Auch für die Firmen sei der schnelle Austausch von Personal nicht ratsam, da immer wieder Wissen verloren geht. Besonders am Herzen lag ihm die Verbesserung der Berufsberatung, die seiner Auffassung nach in Österreich total versage. Sehr viele Menschen "mäandern durchs Leben", ohne zu wissen, über welche Talente sie eigentlich verfügen und in welcher Form sie diese einsetzen könnten. Es fehle vor allem an einem Life-Management, einer individuellen Karriereplanung und an entsprechender Unterstützung. (Schluss)
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