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4. Forum Zukunft der Arbeit: Jugend und Arbeit
Wege aus der Schwächen-Orientierung und Lern-Bulimie

Fernab der Tagespolitik diskutierten Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik am 19. November langfristige Strategien zur Zukunft der Arbeit. Schwerpunkt des 4. Forum Zukunft der Arbeit war das Thema Jugend und Arbeit. Initiator Mag. Thomas Kloibhofer, Vorstandsvorsitzender der Competence Call Center AG: „Mit dem Forum Zukunft der Arbeit haben wir einen Think Tank geschaffen, um wirtschaftlich und gesellschaftlich relevante Themen zu beleuchten und daraus neue Perspektiven und nachhaltige Lösungswege aufzuzeigen und zu diskutieren.“

Kulturwandel von einer Schwächen- hin zu einer Stärken-orientierten Gesellschaft

Dr. Thomas Lang-von Wins, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität der Bundeswehr München, griff in seinem pointierten Impulsvortrag die Thematik der Stärkenorientierung und Eigenverantwortung auf. „Die traditionelle Berufslaufbahn ist ein Auslaufmodell“, ist der Experte überzeugt. Die berufliche Laufbahn wird künftig durch zunehmende Unsicherheit gekennzeichnet sein. In Deutschland und Österreich stieg die Zahl der erwerbslosen Jugendlichen um 7 bzw. 6 Prozent, während sie in anderen europäischen Ländern rückläufig war. Als Konsequenz daraus leitet der Organisationspsychologe ab, dass die Zahl der Qualifizierungsstationen und Übergänge künftig zunehmen wird. „Die Laufbahnen haben sich verändert“, ist Lang-von Wins überzeugt. Sie werden immer mehr zu einer Aneinanderreihung unterschiedlicher Stationen. Erwerbsarbeit, Erwerbslosigkeit und Selbstständigkeit wechseln sich ab und damit ist immer auch die Notwendigkeit einer Umorientierung gegeben. „Dies erhöht die Schwierigkeit für die Teilhabe am Erwerbsleben; gleichzeitig steigt die Gefahr, bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt dauerhaft aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Das kann und darf sich keine Gesellschaft leisten“ so der Experte.

Schulen verkommen zu Zertifizierungsinstitutionen

„Unter ,Beschäftigungsfähigkeit' verstehe ich nicht, dass die erwerbsfähigen Personen sich ständig an die gerade in der Wirtschaft benötigten Qualifikationen anpassen müssen“, so der Impulsreferent. Für ihn bedeutet Beschäftigungsfähigkeit vor allem die Fähigkeit, die eigene Laufbahn aktiv gestalten zu können. Die Institution Schule bietet nur eingeschränkt eine Vorbereitung auf das Berufsleben und aktiviert die Jugendlichen nicht, das private und berufliche Leben in die eigenen Hände zu nehmen. „Unsere Bildungsinstitutionen sind zu Zertifizierungsinstituten verkommen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, durch die wir es den Jugendlichen ermöglichen, Eigenverantwortung zu übernehmen.“

Kompetenzorientierte Schulbildung

Erstrebenswert sei eine „kompetenzorientierte Schulbildung“, welche auf den Aufbau von Kompetenzen ausgerichtet ist und die wissensorientierte Schulbildung ergänzt. „Es geht nicht darum, träges Wissen anzuhäufen, sondern kompetent zu werden und mit seinem Wissen umgehen zu lernen. Andernfalls sprechen wir von Lern-Bulimie“, kritisiert der Experte. Der Begriff umschreibt das sture Anhäufen von Wissen nur für eine Prüfung, welches danach wieder vergessen wird.
Ziel dieser Schulbildung sei es, die Jugendlichen dazu anzuleiten, sich ihrer Stärken und Werte bewusst zu sein und zuversichtlich zu sein, die eigene Zukunft aktiv mitgestalten zu können. Voraussetzungen für diesen Kulturwandel sind Fehlertoleranz und Fehlerfreundlichkeit. Das Wissen um die eigenen Stärken ist hilfreicher, als das Bewusstsein der eigenen Schwächen. „Schwächen-Bewusstsein führt zu Passivität, diese wiederum trägt dazu bei, dass wir Kompetenzen verlernen, wohingegen Stärken-Bewusstsein zu Kompetenz-Aufbau führt“ so Lang-von Wins. Der Experte ist davon überzeugt, dass Eigenverantwortung erlernt werden kann. Dies sei eine Aufgabe der Bildungsinstitutionen, welche sie aktuell nicht wahrnehmen. 

Bildung – eine Frage von Wohlstand?

In der anschließenden Diskussion behandelten Dr. Hemma Massera (Generali Versicherung), DI Herbert Paierl (management club), Mag. Theodor Siegl (Sektionschef Unterrichtsministerium) und Dr. Thomas Lang-von Wins die Fragen aus dem Impulsreferat, beispielsweise warum in Schulen nicht Stärken sondern stets Fehler beurteilt werden und wie die soziale Schere in der Ausbildung geschlossen werden kann.
„Wohlstandserhaltung ist nur möglich, wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit verstärken. Die Politik kümmert sich zu 90% um die Absicherung von Schwächen“, so management club Präsident Paierl. Ohne Kulturwandel sei die „Region der hellsten Köpfe“ schwer umsetzbar. „Unser Durchschnitts-Komplex führt dazu, dass Outperformer nivelliert werden“, so Paierl.
„Was wir brauchen, sind Lehrangebote mit Reifeprüfung, sonst wird es mit unserer Facharbeit künftig schlecht bestellt sein“ ist Mag. Theodor Siegl vom bmukk überzeugt. 8% der 15-jährigen gehen nicht zu Schule. Diese Ausfallquote ist doppelt dramatisch, da sich die Zahl der Jugendlichen für den Arbeitsmarkt halbiert hat. „Besonders in dieser Gruppe besteht eine hohe Gefahr der dauerhaften Erwerbslosigkeit“, sagt Siegl. Ziel muss sein, diese Jugendlichen in das Bildungssystem zurück zu führen, beispielsweise über Information und gezielte Berufsorientierungs-Angebote. „Viel wichtiger ist, dass Schüler über ihre Kompetenzen Bescheid wissen und diese auch belegen können“, ist Lang-von Wins überzeugt. Das Wissen um die eigenen Stärken trägt dazu bei, eine berufliche Richtung zu identifizieren. Dies ist auch ein besonders relevanter Aspekt für Kinder mit Migrationshintergrund, was an den Wiener Volksschulen auf jedes zweite Kind zutrifft.
Dr. Hemma Massera von der Generali Versicherung ruft dazu auf, dass das Fördern der Eigenverantwortung schon viel früher passieren muss und nicht die alleinige Verantwortung der Schulen sein kann. Dafür sei ein Kulturwandel notwendig, der neue Wege und Möglichkeiten zulässt. Dieser Kulturwandel ist für Paierl nicht durch Gesetze erzwingbar. „Die Wirtschaft ist mitverantwortlich für die Nivellierung der Mentalitätsfrage“, so der mc Präsident. Er geht davon aus, dass die aktuelle Krise sich in Bezug auf die Ausbildungsmüdigkeit positiv auswirken wird.

 

Eindrücke vom 4. FzdA >>